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Maja und Alpino, oder: Die bezauberte Rose
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AmZ 29 (Nr. 12, 21.3.1827), Sp. 204–208. „Am 17. Februar gab man im Theater zur Feyer des Geburtstages unserer hochverehrten Frau Grossfürstin Erbgrossherzogin zum erstenmal Maja und Alpino, oder die bezauberte Rose, Gedicht von E. Gehe, Musik von J. Wolfram. Die Direction hatte mit dem lobenswürdigsten Eifer für Alles gesorgt, was zum Glück der Oper beytragen konnte, aber der Erfolg entsprach keinesweges den, nicht etwa gespannten, sondern nur mässigen Erwartungen. Das Aeussere zwar, Decorationen, Maschinerie, Garderobe, Tanz fand verdienten Beyfall; das Ganze aber liess kalt. Die Ausführung der Gesangpartieen durch die Demoisellen Schmidt und Breul und die Herren Stromeier d. ä., Stromeier d. j. und Franke war lobenswerth, die überzahlreichen Chöre wurden genau und gut gesungen, und das Orchester leistete redlich, was nur zu leisten war – aber, wie gesagt, das Ganze sprach nicht an. Die Schuld trägt theils das in einigen Blättern sehr gerühmte Textbuch, theils die (um einen milden Ausdruck zu brauchen) wenig gelungene Musik. Ausführlich in die Kritik des Gedichts einzugehen, liegt ausser dem nähern Zwecke dieser Blätter; es ist auch nicht nöthig, da die Oper gedruckt ist und anderwärts einer detaillirten Beurtheilung unterliegen wird, die Ref. nun glücklicherweise sich und den Lesern ersparen kann. Seine Meinung aber, dass das Gedicht grossentheils verunglückt sey, mag er doch nicht verhehlen, und er glaubt nichts bey dieser Aeusserung zu wagen, da sie sich durch einige wenige schlagende Citate begründen lässt. Die Exposition der ganzen Fabel z. B. übernimmt die Fee Janthe auf die möglichst ungeschickte Weise: sie erzählt nämlich die alte Geschichte sich selbst noch einmal, und geräth darüber in einer Arie in grossen Zorn. So erfährt denn das Publikum, obschon etwas unklar, eine der Oper halbfremde verjährte Historie, um die sich nun alles dreht. Die ganze Handlung schleppt sich dann uninteressant und unergötzlich vorüber, um der Fee zu ihrem alten Liebhaber und nebenbey den jungen Leuten zu einander zu verhelfen. Die Fee Janthe ist übrigens eine liebe Bekannte, nämlich eine Art von Saalnixe oder Donaunymphe, nur ist die gute Person alt und langweilig geworden. Der Sänger (Dichter) Alpino exponirt im zweyten Akte auch nicht besonders, thut sich auf seine Leier ein wenig gar zu viel zu gute, und dünkt sich wohl was Rechtes, lässt sich aber auf eine wahrhaft lächerliche Weise betölpeln, einen morschen, über schreckliche Abgründe führenden Steg, den er recht gut kennt, zu betreten, bloss um den Zuschauern den Spass des Sturzes zu machen und, von der Fee Janthe – die schon lange vorher sich da herum treibt, sie weiss nicht recht, warum? – gerettet, in einem Rosengebüsche von dem salto mortale auszuruhen. Damit auch etwas komisches in der Oper sey, soll der Jägerfürst Nador ein paarmal versuchen, spashaft zu werden, er vergreift sich aber und wird nur läppisch und widerlich. Auf die gezierte Prosa, z. B. S. 5. das ätherisch zarte Duett, S. 6. den kecken frechen Nador und den grimmigen, plumpen (Worte des Dichters) Ikanor, S. 19. das kindisch bramarbasirende Duett, S. 27. die glückliche Ahnung Janthe's, dass Alpino ihr Sohn sey, weil er so und so alt ist, S. 47. Ikanor's und Nador's gewaltig pfiffigen Plan, Alpino auf den mürben Steg beschwatzen zu lassen, S. 50. das überfeine, Weihrauch und Gold überbietende Lied, benebst Herz und Seele S. 64. und den recht hübschen, aber sehr abgenutzten Schluss der Oper will Ref. nur beyläufig aufmerksam machen, die Entscheidung aber über den Werth des Gedichts in seinen einzelnen Stücken und Versen, als musikalisches Gedicht betrachtet, Dichtern überlassen, die einen Begriff vom Gesang haben und Componisten, die etwas von Poesie verstehen. Wem unser Urtheil über das Buch hart scheint, den bitten wir, es zu lesen, und zu bedenken, dass der Dichter da und dort sich über Operngedichte auf eine Weise geäussert hat, dass man wohl merkt, er lebe der frohen Ueberzeugung, dergleichen in hoher Vollendung schaffen zu können. Der Componist, Bürgermeister in Teplitz, ist Dilettant, und so bescheiden, dass er wohl gern zugiebt, sein Werk, das er, getrieben von seiner innigen Neigung und heissen Liebe zu unserer schönen Kunst, mit Lust und Freude zunächst für sich schrieb, sey kein Meisterwerk. Diese Gesinnung des Componisten, der von Allen, die ihn kennen und auch vom Ref. als würdiger Geschäftsmann hochgeachtet und als braver Mann geliebt ist, macht den Ref. parteyisch genug, die Schwächen des Werkes, das von dem Einen über die Gebühr gelobt und von dem Andern ungerecht getadelt worden ist, theils zu übersehen, theils gern entschuldigen zu wollen. Er enthält sich daher aus, gerechtem Misstrauen in seine Unpartheilichkeit jedes entscheidenden Urtheils, kann aber leider nicht umhin, der Wahrheit gemäss einzugestehen, dass die Tadelnden grossentheils Recht haben, wenn sie über Mangel an Characteristik, fehlerhafte, zuweilen den Sinn zerreissende und entstellende Declamation, Flachheit der Modulationen und der Harmonie überhaupt, gewöhnliche und doch nicht eigentliche gesangvolle Melodieen, Unbeholfenheit in der Führung und Benutzung der gewählten Motive, wenige Gewandtheit im reinen vierstimmigen Satze, derbe Verstösse gegen die Grammatik, und über die allzugrosse Menge von Reminiscenzen und Anklängen an Fremdes klagen; und er muss zugeben, dass diese Schattenseiten schwerlich von dem Lobenswerthen in der Musik, nämlich Klarheit und Natürlichkeit, einer gewisse Frische und Lebendigkeit, Mässigung im Gebrauch der Lärminstrumente und greller Modeaccorde und Modulationen, hübschen Tänze und einigen effectvollen Chören überwogen werden möchten. Ein paarmal wird die Oper, wenn man sie mit solcher Sorgfalt, wie hier, giebt, überall ein volles Haus machen, schwerlich aber wird sie sich irgendwo lange auf dem Repertoire erhalten, da sie kein dramatisches in Musik gesetztes Gedicht ist, sondern eine, nicht eben mit besonderm Glücke veranstaltete Sammlung von Künsteleien der Maschinerie, von bunten Decorationen, hübscher Garderobe und ähnlichem dem Ballet zugehörigen, die Oper aber mit der Zeit völlig ruinirenden Firlefanz – begleitet zur Nothdurft von allerhand Redensarten, Orchesterspiel und Gesang.“ (Ebd., Sp. 205–208)