In addition to the technically required cookies, our website also uses cookies for statistical evaluation. You can also use the website without these cookies. By clicking on "I agree" you agree that we may set cookies for analysis purposes. You can see and change your cookie settings here.
Weimarische Zeitung, Nr. 107, 08.05.1870, S. 2f. weitere Rezension: Die Deutsche Schaubühne, Bd. 11 (1870), Heft 4/5, S. 139f.: „Dieser erste dramatische Versuch eines in unserer Mitte lebenden, noch sehr jungen Mannes zeigt bei aller Schülerhaftigkeit der künstlerischen Conception ein achtbares ideales Streben, das gegenüber der auf der Bühne wie im Leben sich immer breiter machenden realistischen Verflachung nicht hoch genug in Anschlag gebracht werden kann. Mit richtiger Erkenntniß der höchsten dramatischen Ziele eifert der junge Dichter in der tragischen Wucht der Handlung entschieden den klassischen Koryphäen der Tragödie nach. Die Handlung ist frei erfunden und spielt in dem unbestimmten Zeitalter und Costüm der ritterlichen Romantik. […] diese Handlung […] hat einen kühnen, großen Wurf. Leider geht doch der erste Theil ihrer Wirkung verloren durch die Unzulänglichkeit und Oberflächlichkeit der Motivirung für die verschiedenen aus ihr sich entwickelnden Situationen, die bei dem Zuschauer eine wahrhaft kindliche, unter allen Umständen blindlings auf die verba magistri schwörende Naivität vorauszusetzen scheint, und erhalten wir demgemäß auch von den Charakteren, namentlich gerade der Mutter und ihren beiden Söhnen, nichts weniger als den Eindruck psychologischer Wahrheit. Alle Anerkennung verdient dagegen wieder die durchschnittlich edle und gehaltvolle Jambendiction, in der übrigens so mancher mitunterlaufende schwülstige oder unklare, hin und wieder selbst unlogische Ausdruck bei gewissenhafter Selbstkritik hätte vermieden werden können. Die Darsteller […] thaten ihr Möglichstes, der Dichtung wenigstens einen Achtungserfolg zu sichern und so die wohlwollende Absicht unserer Bühnenleitung zu unterstützen, ein für die Zukunft etwas versprechendes junges einheimisches Talent durch die Aufführung seines dramatischen Erstlings zu fernerem Schaffen aufzumuntern.“ weitere Rezension: Beilage zur Allgemeinen Zeitung (gemeint ist hier die „Allgemeine Zeitung München“) Nr. 92, vom 02.04. 1870, S. 1433 (betitelt ist die Rezension mit „Kunstleben in Weimar“): „Ein berühmter Philosoph hat behauptet: aller Kunstgenuß sei nur möglich durch Reproduction. Die schöne Linie eines Bildes oder einer Statue, der tiefe Sinn eines Poems wie die Eigenart einer Melodie, muß neu in uns geboren oder nachproducirt werden wenn das Kunstwerk überhaupt in uns zu Stande kommen soll. Daher das Erhebende und Begeisternde aller großen Kunst, weil wir des großen Bildens, Denkens, Empfindens theilhaftig werden. Daher aber auch das Erniedrigende jedes Mißlungenen, nicht für den Darsteller allein, sondern noch mehr für den Zuschauer. Man wird mitschuldig an einem schlechten Stück wenn man gezwungen wird durch Anhören es neu in sich entstehen zu lassen. Man möchte sich selbst prügeln wie Simplicius daß man nicht besser arbeitete. Aehnliche Stimmungen erweckte mir ein neues Stück von Bormann, welches neu hier in Scene ging. Eine scheinbar gedankentiefe, aber eigentlich abstruse Sprache mag zur Annahme verführt haben. Wenn Geistreichsein die Naivetät ausschließt, so kann Mangel an Natur bisweilen als Originalität erscheinen, aber auch nur scheinen. Im Lampenlicht der Bühne – obgleich es Leinwand und Flitter zu Marmor und Gold adelt – halten geistreiche Illusionen nicht Stich; im Gegentheil läßt es das Wahre doppelt wahr, das Unwahre aber doppelt unwahr erscheinen. Eine Herzogin hat zwei Söhne, beide streng erzogen und wohlgerathen. Dem ältesten kommt die Lust an seine jungen Flügel zu regen und seine Kraft zu erproben; er entflieht dem mütterlichen Joch, und zwar zu einem Herzog der mit des Prinzen Mutter auf gespanntem Fuße steht, weil sie ihm Hülfe in der Noth versagte. Ob dieses unerhörten Frevels ergrimmt nun die Mutter dergestalt, daß sie ihren leiblichen Sohn verflucht, und den jüngern verpflichtet dem Bruder nachzusetzen und ihn zu erschlagen. Das geschieht denn auch ganz einfach, nur daß auch der jüngere Bruder von den Freunden des Gefallenen erlegt wird. Zu dieser Metzelei kommt dann die Mama und stirbt ebenfalls. Das nennt sich eine Tragödie […]. Ich war anfangs versucht hinter diesem räthselhaften Product einen allegorischen oder satirischen Sinn zu suchen: Mutter Germania, die einen Bruderkrieg veranlaßt, weil einer ihrer Söhne mit dem Fremden liebäugelt … oder dergleichen; aber die Mühe war vergebens. Selbst das einfache rettende Motiv, den ältesten zu einem Stiefsohn zu machen, ist dem Verfasser nicht eingefallen, der sich noch in einer Epoche zu befinden scheint wo man das Monströse mit dem Tragischen verwechselt. Und es gab allerdings eine Zeit wo man das Unverständliche genial fand, weil es imponirte.“